Wie Digitaltalente in Workshops zu einem erfüllenden Job finden können. Christian von Falkenhausen im Gespräch mit Prof. Dr. Yasmin Weiß

Interview

 


Christian von Falkenhausen: Liebe Yasmin, mit Deinem Start-Up Yoloa unterstützt Ihr die Teilnehmerinnen und Teilnehmern, eine persönliche Definition von Karriere zu entwickeln und Einblicke zu erhalten, wie sich ein „erfülltes Berufs- und Privatleben“ realisieren lassen – warst Du selbst unzufrieden, oder wie bist Du auf die Idee gekommen, Yoloa zu gründen?

Yasmin Weiß: Ich war zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn nicht unzufrieden, aber ziemlich orientierungslos und auch unsicher, welcher Weg für mich der richtige sein wird. Ich hatte viele Optionen und wenig Plan, was am besten zu mir passt, um beruflich und privat glücklich zu werden. Daher war ich sehr empfänglich dafür, mich von Meinungen von außen beeinflussen zu lassen. Zum Beispiel von der weit verbreiteten Meinung, dass sich für eine Frau eine anspruchsvolle berufliche Führungskarriere nicht mit ausreichend Zeit für Familie unter einen Hut bringen ließe. Von beidem habe ich aber damals schon geträumt und zum Glück auch realisiert. Ich habe vieles gelernt auf dem Weg dorthin, wo ich heute stehe. Dieses Wissen geben wir nun mit Yoloa sehr gerne weiter.

Was heißt Yoloa eigentlich? Was hat es mit dem Namen auf sich?

Yoloa richtet sich an Leute, die etwas aus ihrem Potenzial und vielfältigen Interessen machen möchten und eine gesunde „YouOnlyLiveOnce-Attitude“ mitbringen, also Anpacken wollen. Wir richten uns an Talente, die sich als Gestalter ihrer persönlichen und der digitalen Zukunft sehen und nicht als „Opfer“ einer Entwicklung, die sie nicht beeinflussen können.

In den Yoloa Workshops spielt die „Life Design Methode“ eine zentrale Rolle. Was muss man sich darunter vorstellen und wie läuft ein klassischer Workshop bei Euch ab?

Die Life Design Methodik wurde an der renommierten Stanford Universität entwickelt und von uns weiterentwickelt. Es geht darum, auf Basis der Denkweise des „Design Thinkings“ eine Lebensvision für sich selbst zu entwickeln, die es einem ermöglicht, gemäß seiner persönlichen Core Values, Interessen, Stärken und Präferenzen zu leben. Die Workshop-Teilnehmer werden methodisch begleitet, dies für sich nochmal klarer als bislang herauszuarbeiten und damit ihre „Self-Awareness“ zu schärfen. Gleichzeitig schärfen wir die „Chancen-Awareness“ der Workshop-Teilnehmer, indem wir den Arbeitsmarkt der Gegenwart und Zukunft näher beleuchten und aufzeigen, welche Chancen sich durch die Digitalisierung ergeben; gerade auch Chancen, die es qualifizierten Talenten mehr denn je ermöglichen, ihre privaten und beruflichen Ziele unter einen Hut zu bekommen. Wir haben bereits eine Reihe an Workshops in München durchgeführt und sehr positives Feedback der Teilnehmer erhalten. Die Teilnehmer werden nach Abschluss des Workshops von erfahrenen Coaches und Peers aus der Yoloa Community weiter begleitet, um sie dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen. Ab Ende Oktober bieten wir den Workshop auch online an, so dass wir mehr Talente – unabhängig von ihrem Wohnort – begleiten können.

Mit welchen Partnern arbeitet Ihr bei Euren Workshops zusammen? Und wie läuft die Zusammenarbeit ab? Ist das eine Art Recruiting?

Wir arbeiten mit Partnerunternehmen (Konzerne, mittelständische Unternehmen, Start-Ups) sowie dem bayerischen Digitalministerium zusammen, die als Gastgeber und Sponsoren unserer Life Design Workshops fungieren und den jungen Talenten spannende Einblicke geben, wie sie Digitalisierung jeweils vorantreiben und welche neuen Anforderungen daraus entstehen. Ab September laden wir unsere Talente zudem auf „Job-Safari“ ein: Sie können abends an exklusiven Abendveranstaltungen teilnehmen, wo sie in entspannter Atmosphäre von unseren Partnerunternehmen eingeladen werden, um authentische Einblicke zu erhalten und offene, Gespräche mit Role Models aus den Unternehmen zu führen. Die Role Models, die wir mit den Interessen, Core Values und der Lebensvision der jungen Talente matchen, geben dabei zum einen Einblicke in ihre digitalen Aufgabengebiete, beispielsweise was eigentlich ein „Scrum-Master“, „Data-Scientist“, „Digital Transformation Manager“ oder „Digital Workplace Manager“ macht. Denn diese neuen Rollen sind oftmals noch viel zu unbekannt. Die Role Models gaben aber auch Einblicke, wie sie ihre beruflichen und privaten Ziele im Alltag unter einen Hut bekommen und was sie jungen Talenten raten würden.

Warum spielen Role Models bei Yoloa eine große Rolle? Wie schätzt Du generell die Bedeutung persönlicher Kontakte im Zuge der Digitalisierung ein?

Ich bin davon überzeugt: „You can only be what you can see.” Und hierfür benötigen wir inspirierende Role Models. In einem der zurückliegenden Events bei unserem Partnerunternehmen HypoVereinsbank hatten wir abends eine zweifache Mutter als Role Model, die in Teilzeit eine große Digitalabteilung in der Bank leitet. Und einen vierfachen Vater, der ebenfalls einen großen Digitalbereich leitet und sich Kinderbetreuung und Haushalt mit seiner berufstätigen Frau aufteilt. Diese persönlichen Erfahrungen möchten wir gerne mit der Yoloa Community teilen.

Die Bedeutung persönlicher Kontakte bleibt auch im Zeitalter der Digitalisierung weiterhin sehr hoch. Bei Yoloa setzen wir daher einerseits auf Onlineinhalte und soziale Netzwerke, wir bieten aber ergänzend persönlichen Kontakt zu anderen Digitaltalenten, Yoloa Coaches und Role Models an, da wir dadurch eine andere Qualität des Austauschs herstellen können.

Du bist eine der jüngsten BWL-Professorinnen in Deutschland, bist Aufsichtsrätin, wurdest 2014 und 2017 in den Außenwirtschaftsbeirat sowie von Bundeskanzlerin Merkel in den Innovationssteuerkreis der Bundesregierung berufen und bist außerdem Mutter. Wie bringst Du das alles unter einen Hut? Siehst Du Dich selbst als Role Model für junge Frauen, die beruflichen Erfolg und Familie unter einen Hut bringen wollen?

Um alle diese Rollen unter einen Hut zu bekommen, hilft mir folgendes:

1. Ein Ehemann, der zwar als Unternehmensberater selbst sehr viel arbeitet, aber voll und ganz hinter dem steht, was ich tue.

2. Viel Leidenschaft für meine Aufgaben.

3. Viel zeitliche und räumliche Autonomie bei der Arbeit, so dass ich viel von zuhause aus arbeiten kann.

4. Viel Unterstützung zu Hause in Form einer Haushälterin, Putzfrau und Nanny… und am wichtigsten: liebevolle Großeltern, die ebenfalls anreisen, wenn mein Mann und ich gleichzeitig unterwegs sind.

Ob ich mit diesem Model Role Model für junge Frauen bin, müssen letztere beurteilen. Ich habe für mich persönlich meinen Weg gefunden, der mich sehr erfüllt. Ich bin leidenschaftlich gern Mutter, es ist die schönste Rolle überhaupt. Ich liebe aber auch meinen Job, den ich ebenfalls als sehr bereichernd empfinde.

Hättest Du mit 18 Jahren an einem Yoloa Workshop teilgenommen, was glaubst Du, hätte sich in Deinem Leben verändert? Wäre Dir damals etwas bewusst geworden, was Du auf anderem Weg erst später erkannt hast?

Ich hätte mich dann schon viel früher getraut, meinen eigenen Weg zu entwerfen und auf bislang unbeschrittenen Wegen zu gehen; hätte mir noch früher ganz bewusst die „Chancenbrille“ auf die Nase gesetzt und hätte überlegt, in welcher Nische besonders spannende Aufgaben lauern, in denen ich als junger Mensch persönliche „Duftmarken“ hinterlassen kann

Was würdest Du jungen Menschen heute raten: ihrem Interesse oder ihrer Begabung zu folgen? Wie bereitet man sich auf sein Leben vor, wenn Digitalisierung als große Disruption verstanden wird, von der es heißt, sie würde alles verändern?

Folge Deinen Interessen, Deiner Begabung UND der Nachfrage: behalte auch im Auge, welche Anforderungen und Kompetenzen wichtiger werden; finde eine berufliche Nische, in der Du etwas machen kannst, was zu Deinen persönlichen Interessen, Stärken, Werten UND zu den Jobs passt, die tatsächlich auch angeboten werden, oder schaffe Dir diese Jobs selber und gründe…

Die nachhaltigste Kompetenz, die es in disruptiven Zeiten gibt, sind Offenheit für Neues und Lernkompetenz. Es lohnt sich, das fortlaufende „Lernen“ zu erlernen, auch das fördern wir mit Yoloa.

An wen richten sich die Yoloa Workshops? Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?

Die Workshops – und ab Ende Oktober auch der Onlinekurs – richten sich an alle Digitaltalente. Darunter verstehen wir Menschen, die ein ausgeprägtes Interesse für die Digitalisierung mitbringen und aus den Fachrichtungen MINT oder BWL kommen. Studierende sind ebenso willkommen wie Doktoranden oder Professionals mit Berufserfahrung.

Nochmal zurück zu der Kernidee von Yoloa, ein erfülltes Berufs- und Privatleben zu führen: wie erklärst Du Dir, dass das gerade heute junge Menschen anspricht, obwohl der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren geradezu paradiesisch war? Steckt da vielleicht ein tiefergehendes Matching-Problem zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dahinter?

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, unser Wohlstand hängt im Wesentlichen von den Köpfen und Händen der Menschen ab, die hier arbeiten. Wir möchten daher Talente dabei unterstützen, den passenden Weg für sich zu finden, wo sie ihr Potenzial entfalten und mit hoher Motivation an ihre jeweiligen Aufgaben herangehen. Momentan befindet sich der Arbeitsmarkt weltweit im Umbruch. Jobs fallen weg, gänzlich neue entstehen. Diese Situation erfordert eine neue Form der Berufs- und Karriereberatung 4.0, durch welche mehr Transparenz über die Veränderungen geschaffen wird und junge Menschen die Möglichkeit erhalten, einen für sie passenden Weg zu wählen. Hierzu möchten wir mit Yoloa einen Beitrag leisten.

Du bist selbst Altstipendiatin der FNF und Mitglied im VSA. Was bedeutet Dir ganz persönlich das Netzwerk der Studierenden und Alumni? Was motiviert Dich, der liberalen Familie auch weiterhin verbunden zu sein, beispielsweise als Mitglied im Wirtschaftsforum der FDP?

Ich freue mich immer wieder, bekannten und neuen Gesichtern aus der FNF zu begegnen. Mir gefallen Menschen, die ihr Potenzial nicht nur für die eigene Karriere, sondern auch für die Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft einbringen, gerade vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen, die auf unsere Gesellschaft derzeit einprasseln. Auch das ist ein Grund, warum ich mich im Wirtschaftsforum der FDP engagiere: Der Dialog zwischen den Sektoren Politik und Wirtschaft halte ich für essentiell, um den notwendigen Wissenstransfer zu fördern und die Komplexität besser handhaben zu können

Yoloa und VSA arbeiten ab sofort im Rahmen eins Sponsorings zusammen. Was können die Stipendiatinnen und Stipendiaten der FNF und die Mitglieder des VSA von dieser Zusammenarbeit in Zukunft erwarten?

Wir freuen uns sehr, bei Yoloa Stipendiaten und Altstipendiaten begleiten zu können und sie mit anderen selbstreflektierten, gestaltungsfreudigen und offenen Digitaltalenten und Role Models zusammen zu bringen.

Werden wir vielleicht auch einmal einen Workshop sehen, der sich speziell an diese Zielgruppe richtet?

Von unserer Seite sehr gern, kommt gerne bei Interesse auf uns zu.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christian von Falkenhausen, Geschäftsführer des VSA.

Zur Person

Yasmin Weiß ist Altstipendiatin der FNF und Mitglied im VSA, BWL-Professorin, mehrfache Aufsichtsrätin sowie Gründerin des Start-Ups Yoloa. Zudem ist sie als Politikberaterin aktiv, 2013 berief sie Bundeswirtschaftsminister Gabriel in seinen Außenwirtschaftsbeirat sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Innovationssteuerkreis der Bundesregierung. 2018 wurde sie von Christian Lindner ins Wirtschaftsforum der FDP berufen. Yasmin Weiß startete ihre berufliche Karriere als Beraterin bei Accenture und setzte sie anschließend in den DAX-30-Unternehmen E.ON AG und BMW Group fort.

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