Von Parnia Jamshidi und Amir Mohsenpour

Schwerpunkt

 


Wir möchten mit euch über ein Thema sprechen, das uns alle betrifft und schnell emotional werden kann. Es soll um den Ort gehen, an dem sich unsere Elektronik automatisch ins Wifi einloggt, an dem wir „wir selbst“ sein und uns manchmal auch gehen lassen können. Der Ort, an dem wir privat oder auch mal laut werden können. Aber vor allen Dingen ein Ort, der uns Raum bietet, zur Ruhe zu kommen und unsere leeren Akkus wieder aufzuladen – sowohl körperlich als auch elektronisch.
In diesem Beitrag soll sich alles um unser Zuhause drehen, was in Anbetracht des Schwerpunktthemas „Leben im Karton“ nicht allzu fremd erscheint. Dem möchten wir besonders in unserer Rolle als Medizinstudierende und -promovierender nachkommen, denn unsere Wohnbedingungen sind und bleiben eine der grundlegenden Voraussetzungen und wichtigsten Ressourcen für unsere Gesundheit. Auch in der internationalen Politik ist dies bereits 1986 im Rahmen der Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgehalten worden.

Eine Literaturrecherche in einschlägigen Forschungsdatenbanken liefert innerhalb weniger Sekunden eine unglaubliche Fülle von Studien zu den Gesundheitseffekten (wissenschaftlich korrekter: Gesundheitsassoziationen) der unterschiedlichsten Wohnraumeigenschaften.
Unterschiedliche Modelle versuchen diese verschiedenen Beziehungsmechanismen zwischen Wohnbedingungen und Gesundheit zusammenzufassen. Acevedo-Garcia et al. ist dies in einem Artikel aus 2004 mit den drei Beziehungspfaden „Wohnungseinheiten als unmittelbare Lebensumgebung“, „Wohnungsbedingungen als Ausdruck des sozioökonomischen Status“ und „Ortsabhängige Aspekte der Unterkunft“ gut gelungen.

Ob Fragen der Wärmedämmung, giftige Bausubstanz oder Zugang zu sauberem Wasser und sicherer Kochumgebung, ob Überbelegung der Zimmer, Hygienefragen und die Versorgung mit Frischluft und Tageslicht: die Liste an Wohnraumeigenschaften mit potenziellen Gesundheitsrisiken wirkt unendlich. Entsprechend zeigen sich die Auswirkungen im gesamten Querschnitt der modernen Medizin von Atemwegserkrankungen bis hin zu Unfällen oder auch psychischen Beschwerden.

Dabei stellt „schlechter“ Wohnraum nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit dar, sondern kann auch der Rolle als Gesundheitsressource (als Ort der Erholung und Rehabilitation) und physischem wie emotionalem Rückzugsort (Schlagwort: Wohlbefinden) nicht nachkommen. Denn Gesundheit ist, wie die WHO bereits 1946 in ihrer Präambel festhielt, nicht nur das „Fehlen von Krankheit und Gebrechen“, sondern ein „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“.

An dieser Stelle möchten wir anmerken, dass wir uns bis hierhin nur mit Eigenschaften des direkten Wohnraumes beschäftigt haben. Zu einer umfassenden Diskussion gehören jedoch auch Fragen der Wohnsitz-Stabilität, der Entwurzelung, des sozialen Zusammenhalts und natürlich der Obdachlosigkeit, egal ob nun durch finanzielle Engpässe oder sich verändernde Lebensumstände.

Doch warum schreiben wir nun über all dies und nicht einfach über medizinische Versorgung und entsprechende Therapieleitlinien? Diese banale Frage führt zu einer recht banalen Antwort, mit teils jedoch weitreichenden Folgen: Medizin ist weit mehr als nur das Behandeln von Erkrankungen. Als akademische Wissenschaft sowie praktisches Handwerk muss es sich sowohl mit dem Entstehungsprozess von Krankheiten (Pathogenese), als auch den Förderfaktoren von Gesundheit (Salutogenese) auseinandersetzen. Dabei stellen die Wohnbedingungen ein gut erforschtes und nachvollziehbares Musterbeispiel für eben diese Zusammenhänge dar.
Im Kontext öffentlicher und globaler Gesundheitsfragen sprechen wir hier auch von sogenannten vorgeschalteten soziodemografischen und sozioökonomischen Determinanten der Gesundheit. Diese Ursachen „hinter“ den Ursachen stellen einen Bogen aus unterschiedlichsten Faktoren dar, welche unser gesamtes Leben einrahmen.

Teilweise liegen diese Faktoren weit außerhalb der „normalen“ Einflusssphäre klinisch tätiger Ärztinnen und Ärzte und führen dabei im schlechten Falle nicht nur zu schwerwiegender Krankheit, sondern zu einem Leben der Entmündigung. Doch eine plurale Gesellschaft und liberale Demokratie braucht aufgeklärte, selbstbestimmte und vor allem gesunde und mündige Bürger. Bürger, die sich ihrer Selbstwirksamkeit und der Gestaltbarkeit ihrer Umgebung bewusst sind. Bürger, die sich nicht als passives Objekt, sondern als agierendes Subjekt verstehen und Schritte unternehmen, um ihre eigene Zukunft zu gestalten. Bürger, die im Stande und gewillt sind, eigenständig an Ideen zu arbeiten, diese mutig in Wirtschaft und Gesellschaft umzusetzen und somit aktiv zu Fortschritt in Wirtschaft und Gesellschaft beizutragen. Doch all das braucht eben ein Gesundheitssystem, welches es schafft, vorgeschaltete Determinanten von entmündigenden Krankheiten zu erkennen und zu beseitigen.

Ein Gesundheitssystem, in welchem sich Ärztinnen und Ärzte sowie Vertreter anderer Gesundheitsberufe nicht einfach als Behandler von Krankheiten verstehen und definieren, sondern auch als Aktivatoren und Verstärker für individuelle Gesundheitsressourcen.
Solche bevölkerungsweiten Interventionen, die sich an die vorgeschalteten Determinanten wenden, bieten zudem ein enormes gesundheitsökonomisches Einsparpotenzial: Rebecca Masters et al. berichten nach einer systematischen Studienzusammenfassung und kritischen Evidenzbewertung von einem „return on investment“ von durchschnittlich 14.3 zu 1. Dies bedeutet, dass für jeden für eine solche Intervention ausgegebenen Dollar 14,3 Dollar an Gesundheitsversorgungskosten eingespart werden. Vor dem Hintergrund dieser skizzierten Gedanken möchten wir euch als Leserinnen und Leser dieser aktuellen Ausgabe des freiraums auffordern, euch beim Lesen und Diskutieren eines jeden Artikels zu fragen: Wäre dies meiner Gesundheit förderlich oder schädlich? Nur so können wir weiterhin den gesundheitlichen Herausforderungen gerecht werden und die Grundlagen unserer pluralen Gesellschaft und liberalen Demokratie schützen. Ansonsten gilt, frei nach Rudolph Virchow: „Warum die Menschen behandeln, sie sogleich aber in die gleiche krankmachende Umwelt zurückschicken?“

freiraum #65