Professionelle Rhetorik und Auftrittswirkung. Von Dr. Werner Dieball

Forschung


"Das menschliche Gehirn ist eine großartige Sache. Es funktioniert vom Augenblick der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wo Du aufstehst, um eine Rede zu halten."
(Mark Twain) 

Viele Menschen träumen davon. So zu reden, dass die Menschen ihnen an den Lippen kleben. 
Doch was hören und erleben wir oft stattdessen:  
"Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich freue mich sehr, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind. In den nächsten 90 Minuten stelle ich Ihnen auf 187 Powerpoint-Folien unser neues Marketingkonzept vor. Selbstverständlich erhalten Sie das Handout zum Mitlesen…"  

Die Folgeschäden sind bekannt: Das monoton runtergespulte, betreute Lesen befördert die versammelte Zuhörerschaft, egal ob am Rechner oder in der physischen Präsenz, direkt in den geistigen Garten. Analoge kommunikative Szenarien kennen wir aus dem Studium, der Politik und sogar bei Reden aus dem familiären Umfeld. 

Wie gelingt es, eine scheinbar trockene Business-Präsentation mit vielen Zahlen, Daten und Fakten interessanter darzustellen? Einer der essentiellen Schlüssel findet sich in der Rhetorik. Kurzum der Redekunst.  

Übrigens differenziere ich zwischen der Vortragsrhetorik und der Gesprächsrhetorik. Was hilft uns eine mit rhetorischen Stilmitteln gespickte Wow!-Präsentation, wenn wir bei den anschließenden Fragen, Bemerkungen oder Einwänden sprachlos dastehen? Oder im Meeting zusammengesunken dahocken, um Worte ringen und nur noch mit Urlauten wie "ähm" oder "ja" herumstammeln. Manch ein professionell geschulter Politiker/in saß schon in irgendeinem der zahlreichen Talkshowformate und war rhetorisch nicht ganz auf der Höhe. 

Vorweg die positive Nachricht: Bereits die alten Griechen um Aristoteles haben es uns vorgemacht und uns eine Vielzahl von Techniken mit auf den Weg gegeben. Manch einer fühlt sich nun vielleicht an seine Schulzeit erinnert, wo wir uns mit den mehr als 2.000 Jahre alten sprachlichen Stilmitteln, wie Anaphora, Analogie, Alliteration und Metapher auseinandersetzen mussten. 

Nun machen wir das freiwillig, damit wir unsere Inhalte sowohl im Vortrag als auch im Dialog souveräner und überzeugender herüberbringen. Etwas aus freien Stücken zu tun, ist in der Regel zielführender als wenn etwas angeordnet wird à la klassischer Unternehmens-Inhouse-Schulung: "Wir machen jetzt mal ein Rhetorik-Training."

Wer das versteht, hat die besten Voraussetzungen, sich nicht nur rhetorisch weiterzuentwickeln, sondern ebenso in puncto der eigenen Persönlichkeit. Denn wer die Kunst des Sprechens verbessert, wird – ganz gleich wo und in welcher Funktion – seine Botschaften klarer und verständlicher an die Adressaten vermitteln. 

In diesem Kontext gibt es noch eine weitere erfreuliche Nachricht: Niemand muss ein rhetorisches Talent sein. Die Kunst des professionellen Redens ist kein Hexenwerk, sondern Handwerk. Wer sich nur auf sein Talent verlässt und ausruht wird es schwer haben, auf den diversen Plattformen des Lebens Nachwirkungen zu erzielen. Wer bereit ist, immer wieder an sich zu arbeiten, der wird unweigerlich rhetorisch spürbare Fortschritte erzielen. Auch hier streben viele Menschen nach einer Spontaneität, die sich wie einprogrammiert für sämtliche Situationen abrufen lässt. Es klingt vielleicht unromantisch, doch die maßgeblichen Kriterien sind eine gute Vorbereitung und Routine. 

Das lässt sich sehr gut in der Politik beobachten. Was tun die Damen und Herren ganz gleich welcher politischen Couleur tagtäglich? Genau, reden. Nahezu immer sind sie gefragt und gefordert. Durch diese stetigen Wiederholungen entwickelt jeder für sich seine individuelle Redesouveränität. 

Auch, wenn manche Journalisten und Akteure auf den Social-Media-Kanälen die Schwächen der verschiedenen Kandidaten/innen aufzeigen, respektive aufdecken: Bei den Spitzenkandidaten/innen um Armin Laschet, Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Christian Lindner handelt es sich um rhetorisch versierte Profis. Bei allen Fauxpas, die ihnen passieren, beweist jeder immer wieder, dass sie oder er reden kann. 

Wenn sich also die Politiker/innen im Wahlkampfmodus befinden, ist es interessant zu beobachten, wem es gelingt, seine rhetorischen Fähigkeiten so zu platzieren, dass sowohl die Inhalts- als auch vor allem die Beziehungsebene der Menschen erreicht wird. In jeder Botschaft, die wir senden, findet sich ein Inhalts- und ein Beziehungsaspekt. Der Inhaltsaspekt vermittelt die Daten und der Beziehungsaspekt offenbart, wie diese Daten zu verstehen sind. 

Die Politiker/innen, die sachlich-analytisch lupenrein die Vorzüge der Steuerreform hervorheben, werden wahrscheinlich weniger potenzielle Wähler/innen ansprechen als die, die den Trigger zu "Hirn und Herz" finden. 

Altbundeskanzler Gerhard Schröder verknüpfte seine Antworten häufig mit einem persönlichen Appell, um auf der Gefühlsebene bei den Bürger/innen zu punkten. Bei drei Fernsehduellen 1998, 2002 und 2005 hörte sich das in etwa so an: 

"In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen von meiner persönlichen Situation erzählen. Meine Mutter, Kriegerwitwe, hat fünf Kinder großgezogen. Sie hat wirklich buckeln müssen. Ich hab' erst mal 'nen Beruf gelernt, war Ladenschwengel, bevor ich über den zweiten Bildungsweg Abitur und Studium nachgeholt habe. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass bei uns in Deutschland alle eine Chance erhalten. Vor allem die, die nicht mit 'nem goldenen Löffel im Mund geboren wurden. Und daher habe ich in meiner Amtszeit dafür gesorgt, dass der Bildungsetat auf … erhöht wird." 

In diesem Beispiel erklingt Rhetorik par excellence. Um die Emotionsebene der potentiellen Wähler/innen zu aktivieren, verwendet Gerhard Schröder die Methode des Storytelling, andererseits nutzt er Bildsprache wie den "goldenen Löffel". Ein arabisches Sprichwort besagt: "Wer mit der Sprache Bilder malt, lässt die Zuhörer mit den Ohren sehen." So sprechen sie die Gefühle der Menschen an. 

Ein sprechtechnisches Manko tritt häufig dann auf, wenn die Sachverhalte zu kompliziert und zu weitschweifig dargestellt werden. Ebenso wie das nonverbale Management verlangt die Sprache nach einer klaren Struktur. Schachtelsätze sorgen für geistige Verwirrung bei unserem vis-à-vis. Sie tragen entscheidend dazu bei, dass wir unser Gegenüber inhaltlich wie emotional verlieren. Nicht nur für Spitzenpolitiker/innen ist das ein No-Go, welches es unbedingt zu vermeiden gilt. 

Hierzu gibt es eine simple Regel zur Orientierung: Nebensätze sind Nebelsätze. Sie verschleiern das, was wir sagen wollen. Lange Sätze mit mehr als zwölf Wörtern wirken kraftlos. Kurze Sätze sind lebhafter und drücken mehr Dynamik aus. Wer mehr sprachlichen Esprit zeigen möchte, sollte bei den nächsten Redesituationen Sechs- bis Achtwortsätze bilden.  
Um das zu trainieren, um routinierter zu werden, sollte der Fokus auf Hauptsätze gelegt werden. Wörter wie "und/oder" gilt es zu streichen. Wenn gleichzeitig passende rhetorische Wirkpausen eingesetzt werden, können einzelne Redepassagen durch die entsprechende Betonung mehr Gewicht und Prägnanz erhalten. 

Des Weiteren sollten in unser sprachliches Repertoire nicht zu viele Fremdwörter und Anglizismen einfließen. Es stimmt einfach nicht, dass eine möglichst komplizierte, verklausulierte Sprache dem Sprecher/in mehr Kompetenz und Überzeugungskraft verleiht. Die Kunst besteht vielmehr darin, sich KESS auszudrücken: kurz, einfach, stimulierend, strukturiert. 

Diese Beispiele dokumentieren: Um eine starke und vor allem nachhaltige Wirkung zu erzielen, sollte verinnerlicht werden, dass die Beziehungsebene bestimmt, was auf der Sachebene möglich ist. Diese Erkenntnis lässt sich auch auf das Privatleben übertragen. 
Um eine empathische und überzeugende Kommunikation zu gewährleisten, ist es unerlässlich, die Menschen durch Worte, Körpersprache und Stimme mitzunehmen.

Wenn diese Basis der menschlichen Kommunikation vernachlässigt wird, kann es zu Kommunikationsstörungen, Konfliktsituationen und Missverständnissen kommen. Für die Politiker/innen spiegelt sich dies unmittelbar in den Wahlumfragen und zuletzt im Wahlergebnis wider. 

Damit wir rhetorisch erfolgreicher sind, bedarf es eines Sensors, der es ermöglicht, sich in kürzester Zeit verbal und nonverbal auf die verschiedensten Typologien einzustellen; egal ob es sich bei den Adressaten um eine Azubigruppe oder eine Vorstandsversammlung handelt. 

Wer üben möchte, beschränkt sich künftig auf prägnante Minimalwortsätze und garniert diese mit rhetorischen Wirkpausen. Vice versa ist es ein effektives Training, andere Menschen bewusster bei ihrem Sprech- und Sprachverhalten zu beobachten. Die aktive Betrachtung steigert kontinuierlich das eigene Wahrnehmungsvermögen. Auf diese Weise trainieren wir unweigerlich unsere kommunikativen Fähigkeiten. 

  • Name: Dr. Werner Dieball 
  • Fachbereich: Sozialwissenschaften 
  • Universität: Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Universität zu Köln 
  • Website: http://www.wernerdieball.de 

Seit über 20 Jahren arbeitet Dr. Werner Dieball als Redner, Trainer, Coach und Dozent in den Bereichen Rhetorik, Körpersprache und Auftrittswirkung. Dabei berät er Führungskräfte und Manager aus der Wirtschaft sowie Persönlichkeiten aus Politik und Medien zu ihrer öffentlichen Wirkung und zeigt ihnen Techniken, die es ihnen erlauben, ihre Worte, Stimme und Körpersprache bewusster einzusetzen. Auch für verschiedene Printmedien, Radio- und Fernsehsender analysiert Werner Dieball als Experte die Auftrittswirkung von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Seine Seminare führen ihn hierbei auch immer wieder an die Theodor-Heuss-Akademie der FNF in Gummersbach. 

freiraum #71